Tag 8: Macapa (Lagoa Barra Grande)

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Im wilden Westen

Writer: Roman
Was ein Österreicher mit dem wilden Westen zu tun hat? – dazu später mehr. Zunächst ging es für uns darum, Abschied zu nehmen. Nicht nur von Prea, Jeri und dem Piratenschiff, mit dem wohl gemächlichsten Barkeeper Brasiliens, der pro Stunde gerade mal zwei Caipirinhas mixt, sondern vor allem von Remo, unserem erfrischenden Sonnenschein mit dem Dauerlächeln im Gesicht. Abschied nehmen von Remo, dessen Reputation als Sunny Boy sich entlang der brasilianischen Küste von Fortaleza aufwärts bis an die Grenze von Venezuela wie ein Lauffeuer erstreckt hat. Legendär, die schmachtenden Blicke der Badenixen und die der neidvollen maskulinen Konkurrenten auf seinen durch Wind und Wellen geformten Superbody.
Wir hatten riesig Spass mit ihm, nicht nur wenn er gerade mal die nettesten Mädels am Strand spontan davon abhielt, von sich selbst Fotos in allen möglichen Posen zu schiessen, sondern stattdessen diese flugs veranlasst hatte, von uns ein lustiges Gruppenfoto zu machen. Vielmehr bedanken wir uns für die tolle Zeit, die grossartige Unterstützung und für sein nimmer endendes Lächeln: DANKE REMOOOO!
Nachdem wir die Augen vom Abschied wieder trocken hatten, sassen wir bereits in unseren wieder bis ans Limit voll beladenen Fahrzeugen Richtung Barra Grande. Vier Stunden und zwei Liter Wasser später stiegen wir in Macapa aus. Eine nette Bungalow Anlage direkt am Strand und gleich unterhalb der Lagune von Barra Grande. Perfekt für unsere Zwecke.
Kurz Gepäck aussortiert und schon ging’s los auf den wilden Wellen-Ritt. Wind stimmt, hat fett Zug und hilft uns, die Wellenberge rauf und runter zu reiten. Wellen kommen hier von allen Seiten, in allen Formen und in allen Grössen. Selbst hundert Meter vor der Küste bäumen sich die Wellen bedrohlich auf und brechen schlimmstenfalls gleich vor dir in einem lauten Donnern zusammen. Deshalb lautete das Credo: möglichst schnell in die Lagune aufkreuzen, was den einen ein wenig schneller gelingt als den anderen. Oben angekommen waren es traumhafte Bedingungen. David, aka Dr. Dre, markierte gleich mal den Platzhirschen, in dem er in endlosen Kiteloops, Backloops und Seven-twenty-double-hangover-triple-fist-loop alles zum Besten gab.
Die Euphorie kulminierte jedoch beim Zurück-kiten. Die Sonne stand bereits schon tief und hüllte alles in dieses warme, sanfte, gelb-rote Licht. Direkt vor uns in Fahrtrichtung stürzte sich die Sonne ins Meer und streute tausende glitzernde Sonnenstrahlen über die Meeresoberfläche, die schöner funkelten als jeder noch so reine Diamant! Und so wie Lucky Luke auf dem Jolly Jumper am Ende jeder Geschichte in den Sonnenuntergang reitet, reiteten wir auf den Wellen in den Sonnenuntergang.
Zwar war die Sonne einstweilen im Meer ersoffen, aber das bedeutete keineswegs, dass für uns der Tag auch schon zu Ende war; denn vom vielen Reiten waren wir mächtig hungrig. Zur Auswahl standen eine Pizzeria und äh – ja, das war’s dann auch schon. Das erleichterte zumindest den Entscheidungsprozess erheblich, könnte man jetzt fairerweise anfügen, um einen positiven Twist in die Story zu bekommen.
Also ab zur Pizzeria! Dort angekommen mussten wir zunächst mit Erstaunen feststellen, dass alle Tische bereits gut besetzt waren. Das ist etwas, das wir in dieser Woche Brasilien bisher noch nie erlebt hatten, denn die Brasilianer sind nach der verlorenen Fussball WM und den zer-dopten Olympischen Spiele in eine tiefe Krise gestürzt. Zweite Überraschung war, dass der Gastgeber ein Österreicher war, was zumindest bei mir nicht direkt mit Pizza konotiert ist. Jedoch entlarvt ihn spätestens ein Blick auf die Karte, wo neben all den Pizzen auch Wiener Schnitzel und Apfelstrudel zu finden sind.
Unser Hit des Tages war definitiv das Thunfisch-Filet, vom regionalen Gelbflossen Thunfisch – oder so. Nur leicht auf beiden Seiten angebraten, mit Sesam sparsam bestreut, begleitet von einer Soya-Ginger Sauce kam des Thunfisch voll zur Geltung. Dazu wurde Reis gereicht garniert mit brasilianischem Basilikum, der ähnlich nach Lakrize schmeckt, wie der thailändische Basilikum. Yamie, yamie! Das entschädigt auch für die stundenlange Wartezeit, die wir uns gedulden mussten, bis das Essen serviert wurde.
Der Österreicher machte jedoch alles wett. Mit seinem Charme und seiner zuvorkommenden Gastfreundschaft. Er war selbst von der Gästeschar überrascht und hatte alle Hände voll zu tun. Leicht handycapiert, weil er sich vor drei Wochen bei einem Sturz von der Leiter drei Rippen gebrochen hatte, liess er sich’s auch nicht nehmen, die Milch für meinen Cappuchino von Hand zu schäumen. Oder vielmehr blieb ihm keine andere Wahl, da niemand von seiner Belegschaft erstens wusste, was ein Cappuchino war und zweitens, wie Milch geschäumt wird. Sehen wir ausnahmsweise darüber hinweg, dass Cappuchino nach Mittag zu geniesen einer italienischen Todsünde gleichkommt und konzentrieren uns darauf, wie fein der Milchschaum mit dem Apfelstrudel harmoniert, so wird klar, dass es keinen anderen Königsweg gab, um diesen nach dem Hausrezept seiner österreichischen Mutter hergestellten Apfelstrudel kaiserlich zu verkosten!
Am Ende des Abends waren wir die letzten Gäste, die im Restaurant übrig blieben und so setzte sich unser österreichischer Gastgeber mit einer Flasche Rum zu uns, die er bereits an anderen Tischen rege im Einsatz hatte. Ursprünglich in der Pharmaindustrie tätig, hat er seine Liebe vor fünfzehn Jahren in Brasilien kennengelernt. Da er leidenschaftlich gerne kocht, hat er dann gleich sein Hobby zu seinem Beruf gemacht und eine Pizzeria in Macapa eröffnet.
Vor Jahren für umgerechnet einige Tausend Franken Land gekauft, ist dieses nun rund eine Million wert. Jedoch ist er glücklich es bald verkaufen zu können, denn in Brasilien Land zu besitzen, ist sehr anstrengend und gefährlich. So gilt das Recht, dass wenn jemand auf dein Land kommt, dort zum Beispiel ein Hütte baut und er innerhalb von einem Jahr nicht vertrieben werden kann, das Landrecht automatisch an ihn übergeht. So geschehen bei einem Investor aus Sao Paolo, der nach einer längeren Abwesenheit wieder mal nach seinem Land schauen wollte und dort mit einer Reihe kleiner Einfamilienhäuser auf seinem Grundstück konfrontiert wurde. Fazit der Geschichte: die Häuser stehen heute noch und der Investor hat was Interessantes dazugelernt.
Gemäss brasilianischen Rechtsverständnis steht es nämlich allen offen, an einem Plätzchen, z.B. am Strand zwischen Palmen, einen Zaun hochzuziehen, ein Häuschen zu bauen und dieses für ein Jahr lang gegen alle Eindringlinge zu verteidigen – und schon gehört das Fleckchen Paradies dir!
Ergo, wenn der Österreicher nicht gerade am Pizza oder Wienerschnitzel machen ist, verteidigt er seine Landparzelle gegen alle Eindringlinge, die schon mehrfach versucht haben, dort ihr neues Lager aufzuschlagen. Dabei hilft ihm gemäss seiner eigenen Aussage, nicht die Polizei (die ist eh korrupt und hat deshalb andere Dinge zu tun), sondern seine Reputation „verrückt zu sein“. Er droht dann den Eindringlingen seine Parzelle sofort zu verlassen, andernfalls holt er ’ne Knarre und schiesst sie über den Haufen. So, und nun wisst ihr auch, was ein Österreicher mit dem wilden Westen zu tun hat!
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